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Aussteigen aus diesem verrückten System

26 Januar 2012 Kein Kommentar

Sparen Sie sich die Grippeimpfung, essen Sie mehr Hähnchenschnitzel – Sie alle kennen ähnliche Witze. Dabei ist das Thema nicht zum Lachen. Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung fördert die Bildung von Resistenzen und stellt eine Bedrohung für die menschliche Gesundheit dar. Das ist seit langem bekannt.

Die Lobby der Fleischindustrie bemüht sich, dass herunterzuspielen und hat leider allzu oft dabei in der Vergangenheit Schützenhilfe von konservativen Regierungen in Bund und Ländern bekommen. Das darf diesmal nicht wieder passieren. Wir müssen das Problem ernsthaft angehen und wir müssen das Übel an der Wurzel packen, nicht an Symptomen herum kurieren.

Wir haben bereits im Oktober einen Antrag im Landtag eingebracht, der die wesentlichen Handlungsfelder nennt, um zu einer flächengebundenen und artgerechten Tierhaltung zu kommen. Ich nenne an dieser Stelle Anpassungen bei der Privilegierung im Baurecht, im Planungsrecht, beim Immissionsschutzrecht, beim Tierschutz und bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln und eben auch beim Arzneimittelrecht.

Die Debatte über diesen Antrag ist wieder und wieder verschoben worden, jetzt in den März. CDU und FDP wissen wohl, wie viel Sprengkraft in diesem Thema steckt. Ihr Versuch, dieser Debatte auszuweichen, wird scheitern, ist schon gescheitert.

Die Landesregierung hat keinen Überblick über das Ausmaß des Einsatzes von Antibiotika in der Hähnchenmast. Sie weiß darüber so gut wie nichts, dass ist rausgekommen bei unserer kleinen Anfrage. Genau hinsehen wollen sie lieber nicht, aber: „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass beim Einsatz von Antibiotika in Hähnchenmastbetrieben Schleswig-Holsteins ähnlich wie in NRW verfahren wird,“ heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage von uns.

Gut wäre, wenn die Landesregierung in Schleswig-Holstein Best-Practice-Beispiele nennen könnte. Mit welchen Verfahren schaffen es Fleischerzeuger, mit wenig oder ohne Antibiotika zu erzeugen?

Auch bei uns gibt es die Tendenz zu immer größeren Beständen mit zigtausend Mastplätzen, oft gebaut unterhalb der Grenzen der Genehmigung nach Immissionsschutzrecht. Aus diesem kranken, aus diesem verrückten System müssen wir aussteigen. Das gebietet die Sorge für die menschliche Gesundheit, das gebietet auch unsere Verantwortung für das Tierwohl, das gebietet unsere Verantwortung für eine zukunftsfähige ländliche Struktur und die Entwicklungschancen der Länder des Südens.

Die Steigerung der Fleischproduktion für den Export, für den so genannte „Weltmarkt“, ist nur möglich, weil wir woanders in riesigem Ausmaß Flächen in Anspruch nehmen. Eine Bratwurst beansprucht 6 Quadratmetern Mais- und Sojafläche, irgendwo in Südamerika. Entwicklungsorganisationen haben genug Belege erbracht, wie zerstörerisch unsere Fleischexporte in Entwicklungsländer sind.

Ich habe am Wochenende gemeinsam mit 23000 Menschen in Berlin gegen diese Art der zerstörerischen Massentierhaltung demonstriert, unter dem Motto „Wir haben es satt“. Die Polemik von Frau Aigner dazu hat unter Entwicklungspolitikern Kopfschütteln bis Empörung ausgelöst. Deutsches Billigfleisch zur Bekämpfung des Hungers in der Welt – Ich hatte eigentlich gedacht, wir sind in der Debatte schon weiter.

Ein Wort zu unserem Antrag: Er enthält die Forderung nach einer lückenlosen Dokumentationspflicht für den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung. Schwarz-Gelb hat in der Vergangenheit in unverantwortlicher Weise Ausnahmen für die Geflügelbranche geschaffen, die müssen abgeschafft werden. Ich hoffe, wir haben noch Gelegenheit, unsere Forderungen im Ausschuss zu beraten.

Ich betone aber nochmals: es reicht nicht, an den Symptomen herumzudoktern, wir müssen uns den Ursachen zuwenden. Der Antibiotika-Einsatz ist systemimmanent im System der industriellen Massentierhaltung. Im Geflügelbereich haben wir Zustände erreicht, die unerträglich und unhaltbar sind, die keine Akzeptanz mehr in der Bevölkerung finden.

Diese Entwicklung ist nicht im Interesse der Landwirte. Diese Form der Tierhaltung hat mit „bäuerlich“ nichts zu tun. Sie ist weder umwelt- noch tiergerecht. Diese Tierhaltung zerstört jeden Ansatz einer nachhaltigen ländlichen Wirtschaftsentwicklung. Das ist nicht unser Modell einer Zukunftslandwirtschaft!

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